„Wir haben unseren Kundensupport durch KI ersetzt.“
Das klingt zunächst nach genau der Art von Aussage, die aktuell überall auf LinkedIn und in den Schlagzeilen zu lesen ist. Mehr Automatisierung, weniger Menschen, geringere Kosten.
Doch nachdem wir selbst einen KI-Agenten entwickelt und in unserem Support getestet haben, sind wir zu einer überraschenden Erkenntnis gekommen:
👉 Die eigentliche Herausforderung im Kundensupport waren nie die Menschen. Es waren die Informationen.
In diesem Artikel zeigen wir, wie wir unseren Supportprozess mit KI automatisiert haben, welche Erfahrungen wir dabei gesammelt haben und warum die meisten Unternehmen aus unserer Sicht an der falschen Stelle mit KI starten.
Unser alter Supportprozess
Viele Unternehmen kennen dieses Szenario:
Supportanfragen kommen über unterschiedlichste Kanäle herein:
E-Mail
WhatsApp
Telefon
Microsoft Teams
Persönliche Nachrichten
Direkte Anrufe
Genau so war es auch bei uns. Auf den ersten Blick funktionierte das erstaunlich gut. Kunden konnten uns jederzeit erreichen. Auf den zweiten Blick zeigte sich jedoch ein strukturelles Problem.

Das Problem war nicht die Erreichbarkeit
Die eigentliche Herausforderung bestand darin, dass der Support nicht als gemeinsamer Prozess funktionierte.
Wissen war verteilt:
Informationen lagen in privaten Chats
Antworten befanden sich in E-Mails
Prozesse waren im Kopf einzelner Mitarbeiter gespeichert
Lösungen mussten oft mehrfach erklärt werden
Dadurch verbrachten wir viel Zeit mit:
🔎 Suchen von Informationen
🤨 Rückfragen
↪️ Copy-and-Paste-Arbeiten
💬 Internen Abstimmungen
Und genau diese Tätigkeiten erzeugen keinen echten Mehrwert für den Kunden.
Wie sieht ein idealer Supportprozess aus?
Wenn wir heute einen Supportprozess von Grund auf neu entwickeln würden, würden wir nicht mit der Frage beginnen:
Welche KI sollen wir einsetzen?
Sondern mit der deutlich wichtigeren Frage:
Wie soll der Prozess überhaupt funktionieren?
Schritt 1: Ein zentraler Eingang für alle Anfragen
Der Kunde sollte nicht überlegen müssen:
Schreibe ich eine E-Mail?
Nutze ich WhatsApp?
Soll ich anrufen?
Stattdessen braucht es einen klar definierten Einstiegspunkt.
Schritt 2: Die Anfrage verstehen
Jede Anfrage muss zunächst kategorisiert werden:
Standardfrage
Fachfrage
Problemmeldung
Individuelle Beratung
Erst dann kann entschieden werden, wie die Anfrage bearbeitet wird.
Schritt 3: Standardfälle automatisieren
Wiederkehrende Fragen sollten sofort beantwortet werden.
Beispiele:
Wie lege ich einen Termin an?
Wo finde ich bestimmte Funktionen?
Wie ändere ich Einstellungen?
Hier ist KI besonders stark.
Schritt 4: Komplexe Fälle an Menschen übergeben
Sobald eine Anfrage komplex wird, sollte ein Mitarbeiter übernehmen. Allerdings nicht ohne Kontext.
Ein guter Übergabeprozess enthält:
die ursprüngliche Anfrage
bisherige Antworten
den bisherigen Chatverlauf
bereits durchgeführte Aktionen
Dadurch kann der Mitarbeiter direkt helfen, statt zunächst recherchieren zu müssen.

Warum nicht den ganzen Support durch KI ersetzen?
Nachdem wir diesen Idealprozess definiert hatten, entstand eine provokante Frage:
Wenn Standardfragen automatisiert werden können, warum ersetzen wir nicht einfach den kompletten Support durch KI?
Also haben wir ein Experiment gestartet.
Unser KI-Agent: Mehr als ein klassischer Chatbot
Für den Test wollten wir bewusst keinen einfachen FAQ-Bot einsetzen. Stattdessen entwickelten wir einen eigenen KI-Agenten. Als Testumgebung nutzten wir unsere Software Humafix, die speziell für Pflegedienste entwickelt wurde.
Zugriff auf eine Wissensdatenbank
Der KI-Agent kann nicht nur Texte generieren. Er erhält Zugriff auf:
Dokumentationen
Prozesse
Anleitungen
interne Wissensdatenbanken
Dadurch kann er Fragen deutlich präziser beantworten.
Zugriff auf Tools
Der entscheidende Unterschied: Unsere KI kann nicht nur antworten. Sie kann auch handeln.
Der Agent ist in der Lage:
Informationen aus dem System abzurufen
Daten auszulesen
Termine zu prüfen
Aktionen direkt auszuführen
Damit wird aus einem klassischen Chatbot ein echter KI-Agent.
Der Praxistest: Funktioniert KI im Kundenservice wirklich?
Nachdem der Agent fertig war, haben wir ihn mit realistischen Supportanfragen getestet.
Test 1: Standardfragen beantworten
Frage: Wie kann ich einen Termin einplanen?
Ergebnis: Die KI konnte die Anfrage sofort beantworten. Kein Mitarbeiter musste eingreifen. Für solche Anwendungsfälle eignet sich KI hervorragend.
Test 2: Informationen aus dem System abrufen
Frage: Wann ist Mitarbeiterin Lena nächste Woche eingeplant?
Ergebnis: Hier musste die KI nicht nur Wissen abrufen. Sie musste Informationen direkt aus Humafix auslesen. Auch das funktionierte.

Test 3: Aktionen durchführen
Anschließend sollte die KI nicht nur Informationen liefern, sondern aktiv handeln.
Beispielsweise:
Verfügbarkeiten prüfen
Termine erstellen
Einträge anlegen
Auch diese Aufgaben konnte der Agent erfolgreich übernehmen.
Test 4: Komplexe Supportfälle erkennen
Der spannendste Test war jedoch ein anderer. Was passiert, wenn die KI die Antwort nicht sicher kennt?
Ein Beispiel:
Seit heute werden Einsätze eines Mitarbeiters nicht mehr korrekt angezeigt.
Die KI analysierte das Problem und versuchte mögliche Ursachen zu identifizieren. Als sie keine sichere Lösung finden konnte, erfand sie keine Antwort. Stattdessen leitete sie die Anfrage an einen Mitarbeiter weiter.
Genau das war für uns einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren.

Die wichtigste Erkenntnis: KI darf nicht zum Hindernis werden
Viele Unternehmen machen den Fehler, ihre Kunden durch endlose Bot-Schleifen zu schicken. Das wollten wir vermeiden. Wenn ein Kunde einen Menschen braucht, muss er einen Menschen erreichen können.
Der beste KI-Support ist nicht derjenige, der jede Anfrage beantwortet.
Der beste KI-Support erkennt, wann er aufhören und an einen Mitarbeiter übergeben muss.
Warum Informationen wichtiger sind als KI
Unsere vermutlich wichtigste Erkenntnis lautet:
Unser eigentliches Problem war gar nicht der Support. Es waren die Informationen.
Wenn Wissen verteilt ist über:
WhatsApp
E-Mails
Telefonate
persönliche Notizen
einzelne Mitarbeiter
dann hilft auch die beste KI nur begrenzt weiter. Denn KI kann nur mit den Informationen arbeiten, die verfügbar und zugänglich sind.
Deshalb haben wir den gesamten Prozess zentralisiert
Der eigentliche Durchbruch entstand nicht durch den Chatbot.
Er entstand durch den neuen Prozess.
Automatische Übergabe an Microsoft Teams
Wird eine Anfrage eskaliert, erstellt unser System automatisch einen Eintrag im Teams-Channel.
Dort erhält das Support-Team:
die ursprüngliche Kundenanfrage
den vollständigen Chatverlauf
alle Antworten der KI
durchgeführte Aktionen
relevanten Kontext
Dadurch kann der zuständige Mitarbeiter sofort übernehmen.

Unsere 3 wichtigsten Learnings
1. Nicht alles automatisieren, nur weil man es kann
Automatisierung ist kein Selbstzweck. Nur weil etwas technisch möglich ist, bedeutet das nicht, dass es sinnvoll ist.
2. Standardarbeit automatisieren
KI sollte Mitarbeitern Routineaufgaben abnehmen. So entsteht mehr Zeit für wertvolle Tätigkeiten.
3. Informationen zentralisieren
Ohne zentrale Wissensbasis stößt jede KI früher oder später an Grenzen. Ein sauber strukturierter Prozess ist wichtiger als das neueste KI-Tool.
Was bedeutet das für Unternehmen?
Wenn Unternehmen uns heute zum Thema KI im Kundenservice ansprechen, empfehlen wir selten sofort einen Chatbot.
Wir beginnen stattdessen mit drei Fragen:
Wo kommen Anfragen ins Unternehmen?
Wo gehen Informationen verloren?
Welche Aufgaben müssen wirklich von Menschen erledigt werden?
Erst danach entscheiden wir gemeinsam:
welche Prozesse automatisiert werden können
welche Systeme integriert werden sollten
wo KI tatsächlich einen Mehrwert liefert
Manchmal ist die richtige Lösung ein KI-Agent. Manchmal eine Teams-Integration. Manchmal ein CRM. Und manchmal eine individuell entwickelte Softwarelösung.

Fazit
Nach unserem Experiment glauben wir nicht mehr, dass KI den Menschen im Support ersetzen muss.
Im Gegenteil.
Die größten Vorteile entstehen dann, wenn KI Routinearbeit übernimmt und Menschen sich auf die Aufgaben konzentrieren können, bei denen sie wirklich gebraucht werden.
KI sollte dem Menschen die Arbeit abnehmen, die er eigentlich gar nicht machen sollte.
Wer Supportprozesse nachhaltig verbessern möchte, sollte deshalb nicht mit KI beginnen.
Sondern mit dem Prozess.
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